Camargue

Diesen Herbst sind Edwin und ich nach Südfrankreich gefahren - endlich wieder einmal Ferien! Wir wollten mit dem Auto fahren, weil wir uns wohler fühlten, autonom zu sein und auch das Gefühl hatten, so notfalls schneller nach Hause fahren zu können, als wenn wir auf ein Flugzeug angewiesen wären.

In Frankreich selber war alles sehr entspannt: Schutzmassnahmen wurden nicht schlechter eingehalten als bei uns. Der einzige Unterschied war, dass man seinen Pass Sanitaire (Covid-Zertifikat) auch in den Aussenbereichen der Restaurants zeigen musste, was für uns kein Problem darstellte. So machten wir uns wegen eines Patienten Zuhause mit einem Tag Verspätung auf den Weg. Allerdings war das gut so, denn so konnte ich noch die kleine Paulina fotografieren, die ein paar Startschwierigkeiten hatte und erst zwei Tage vor dem Shooting aus dem Spital entlassen wurde (Neugeborenenshootings sind sowieso schlecht planbar, aber so erledigten wir zwei Fliegen mit einer Klatsche).


Wir fuhren mitten in der Nacht Richtung Frankreich - ohne feste Planung, einzig mit dem Ziel, irgendwann auch in Montpellier aufzuschlagen. Das ist eine lustige Geschichte, die einige von euch kennen: Edwin hat vor Jahren (!) von einer ehemaligen Mitarbeiterin gehört, dass sie nach der Pension nach Montpellier ziehen würde. Ihm gefiel das Wort "Montpellier" und nun musste sich die ganze Familie jahrelang anhören, dass er irgendwann nach Montpellier fahren wollte (Edwin betonte dann das Wort immer ganz speziell und liess es auf der Zunge zergehen). "Montpellier" wurde zum Running Gag, war aber eigentlich nie ernst gemeint. Da nun aber Ferienziele in weiter Ferne entfielen, machten wir Nägel mit Köpfen...


Nach dem Frühstück in Genf und einem Halt zu Mittag in Orange mit dem leckersten vietnamesischen Essen...

...fuhren wir weiter nach Aiguez-Mortes. Dort trafen wir uns mit Noelia, die uns auf ihrem Heimweg aus dem Surfercamp in der Bretagne besuchte. Aiguez-Mortes ist ein absolut sehenswertes Städtchen, umgeben von einer mittelalterlichen Stadtmauer und einer Saline. Man kann diese besteigen und das Städtchen von oben umrunden, wenn man keine Höhenangst hat (für eine Grossansicht der Fotos am PC einfach auf ein Bild klicken und danach rechts auf die Pfeile):

Am Abend fuhren wir in das kleine Dorf Vauvert ins seltsamste Hotel der Welt. Im Envie du Sud haben wir uns für zwei Nächte einquartiert. Es ist einen Besuch absolut wert. Hier erlebt man wirkliche Gastfreundschaft und ein besonderes Highlight sind die sieben (jawohl sieben!) verschiedenen Frühstückmenüs, aus denen man auswählen kann! Der Garten gleicht einer kleinen Oase und die Zimmer sind liebevoll und einzigartig eingerichtet. Ganz unkompliziert hat man unserer Tochter für eine Nacht ein Zusatzbett in unser Zimmer gestellt und ihr inklusiv dem sensationellen Frühstück gerade mal 30 Euro verrechnet!

Bevor Noelia zurück in die Schweiz fuhr, besuchten wir Arles und hatten das Glück, zufällig am Journée du Patrimoine dort aufzuschlagen, was bedeutete: alle Museen und Sehenswürdigkeiten umsonst und keine Parkgebühren!

So wandelten wir auf Cäsars Spuren... Das Amphietheater in Arles ist eines der grössten des römischen Reichs und fasst 25'000 Menschen! Es wird auch heute noch für (unblutige) Stierkämpfe und Aufführungen benutzt. Wir setzten uns in die Logenränge und schauten uns am iPhone die Schlussszene des Gladiators an - und versetzten uns selbst 2000 Jahre zurück... während Edwin sich in den Katakomben verlief und es seine Zeit dauerte, bis er uns wiederfand.

...weiter zu den römischen Thermen - gelebte Geschichtsstunde:

Zurück in die Gegenwart mit einem kleinen Halt im Mittelalter: da wir auch Museen gratis besuchen konnten, schauten wir in der Fondation du Vincent Van Gogh rein. Der Künstler erreichte Arles an einem Februartag 1888 auf der Suche nach natürlichem Licht und innerer Erleuchtung. Dies war der Beginn einer Zeit eines intensiven und leidenschaftlichen Schaffendrangs im Licht des Südens. Im Leben des Malers ist sein Aufenthalt in Arles die produktivste Zeit für seine Gemälde und Zeichnungen: 300 Werke in 15 Monaten bilden eines der prächtigsten Kapitel der Kunstgeschichte.

Das Wetter hatte ein Einsehen und bescherte uns einen traumhaften Spätsommer, jeden Tag zwischen 24° und 26°C mit viel Sonnenschein und ein paar Wolken. Nur einmal regnete es nachts, der Spuk war aber bereits zum Frühstück auf dem Bauernhof wieder vorbei.

Selbstverständlich bauten wir auch ein, zwei Strandtage ein, z.B. in St.Maries-de-la-Mer oder in Palavas-les-Flots bei Montpellier.

Es sind so viele schöne Bilder entstanden, wie soll man sich da beschränken? Vielleicht inspirieren euch die Fotos ja zu eurer nächsten Reise?

Bereits vor einer Woche habe die Surfer-Studies veröffentlicht. Diese Fotos sind in Palavas-les-Flots bei Montpellier entstanden und es wert, sie sich anzuschauen, selbst wenn man keine Ahnung vom Surfen hat (habe ich nämlich auch nicht).

Es gibt wirklich viel zu sehen, nichts davon schlägt aber die wunderschöne und einzigartige Natur der Camargue.

Das Beeindruckendste sind die vielen Wasservögel, allen voran die unzähligen Flamingos, die in jedem Etanque anzutreffen sind und sich von uns auch nicht stören liessen. Der Rosaflamingo ist der grösste seiner Art und kommt rund ums Mittelmeer vor, das grösste Brutgebiet ist aber die Camargue mit etwa 10'000 - 22'000 hauptsächlich monogam lebenden Brutpaaren. Die Zahlen variieren von Jahr zu Jahr sehr stark. Flamingos stehen auf einem Bein, hauptsächlich, um Auskühlung im Wasser zu verhindern. Sie benötigen dazu keine Muskelkraft und schlafen auch auf einem Bein. Selbst wenn sie sterben, fallen sie nicht um... That's creepy!

Aber nicht nur Wasservögel machen die Fauna aus. Die vielen Insekten dürfen wir auch nicht vergessen. Hier auf dem Bild ein hübsches Exemplar.

Leider machten wir auch mit den weniger angenehmen Gesellen gut Bekanntschaft. Aber wer mich so ärgert wie die vielen, vielen Mosquitos, wird bestimmt nicht fotografiert! Auf diese juckenden Souvenirs hätte ich sowieso gerne verzichtet.

Was wäre die Camargue aber ohne ihre weissen, halbwild lebenden Pferde? Das Camargue-Pferd gilt als sehr widerstandsfähig und genügsam. Diese Eigenschaft geht auf seine harten Lebensbedingungen im Rhône-Delta zurück, wo es im Sommer großer Hitze und in den übrigen Jahreszeiten ständig kaltem, feuchtem Boden ausgesetzt ist. Es kann mit geschlossenen Nüstern unter Wasser fressen. Und schon sind wir wieder bei den Römern: Das Camargue-Pferd wurde zum ersten Mal von Gaius Julius Cäsar erwähnt, der von der Erscheinung so begeistert war, dass er gleich zwei Gestüte in der Gegend von Arles anlegen liess.

Bei Aiguez-Mortes besuchten wir eine Saline. Ein interessanter Gegensatz zu den Steinsalinen hier in der Schweiz oder dem Salar de Uyuni in Bolivien. Das Wasser ist rot bis rosa gefärbt und ergibt fast unwirklich anmutende Spiegelungen.

Als letzte Station besuchten wir auf unserem Heimweg den Pont du Gard, das höchste erhaltene römische Bauwerk dieser Art. Der ursprüngliche Aquädukt war 50 Km lang und versorgte 20'000 Menschen in Nîmes mit frischem Quellwasser. Der Pont du Gard selbst ist von beeindruckender Höhe (so hoch die die Freiheitsstatue in New York) und so lang, dass drei A380 locker darauf landen könnten. Agrippa brauchte für den Bau gerade mal fünf Jahre (einige Quellen sprechen von sogar nur drei Jahren). Der Olivenbaum, den man auf einem der Bilder seht, wurde im Jahr 908 geboren. Stellt euch vor, was dieser Baum schon alles erlebt und gesehen hat!

Die Fresken strafen jeden Lüge, der glaubt, dass der Bikini eine Erfindung des 20. Jahrhunderts sei. Nein, bereits modebewusste Römerinnen trugen den zweiteiligen Badeanzug zum Sport. Überhaupt würde ich zu einer solch luxuriösen, römischen Marmortoilette nicht Nein sagen. Allerdings dann doch lieber ein Modell für mich allein und nicht als geschäftlicher Treffpunkt zum Meeting mit Chef, Arbeitskollegen und Kunden (ja ja, auch Kolleginnen, Chefinnen, Kundinnen, Managerinnen, usw. sind auch angedacht, einen Genderstern* wird's von mir nicht geben - Mädels, steht darüber! die Sprache ist auch so schon verhunzt genug). Ich hätte eigentlich nicht gedacht, dass Ferien in der Provence in einem römischen Exkurs enden. Aber warum auch nicht?


Ein besonderes Highlight in Frankreich ist die Kulinarik, man sagt ja nicht umsonst: man isst wie Gott in Frankreich. Oh, das haben wir wirklich! Salz, Camargue-Reis und Wein haben wir importiert und ein paar andere, leckere Sachen ebenfalls. Hier ein paar Müsterchen unserer Verkostung, damit euch das Wasser im Mund zusammenläuft:

Hunger? Hihi...

Dann nichts wie ab nach Frankreich.